Was wir wollen

CARITAS-WOHNHEIME FÜR BEHINDERTE FULDA /HASELSTEIN/MICHELSROMBACH RATGARSTRAßE 13, 36037 FULDA

Lebensraum Wohnheime für Behinderte Konzeption zur Integration, Förderung und Beheimatung geistig behinderter Menschen

1. Entwicklung des Wohnverbundes

2. Organisation der Wohnheime

3. Arbeitsgrundsätze / Zielbestimmungen

4. Die Menschen im Wohnheim (Personenkreis)

5. Aufgabenstellung

6. Gestaltung des Lebens im Heim und in der Gruppe

7. Teilnahme und Teilhabe an Gemeinschaft und Gesellschaft

8. Integration Große Einrichtungen/Kleine Einrichtungen/Betreutes Wohnen

9. Die Eltern und Angehörigen

10. Die Mitarbeiter

Was wir wollen

1.  Entwicklung des „Wohnverbundes“ - Wohnheime für Behinderte (Fulda / Haselstein / Michelsrombach)

 Der Deutsche Caritasverband schreibt in seiner Broschüre, dass Wohnen nicht nur "ein Dach über dem Kopf" bedeutet, sondern vielmehr Mittelpunkt der Lebensgestaltung für geistig behinderte Menschen ist.
Zunächst beginnt Wohnen jedoch mit dem Gebäude
    •    1975 wurde ein Zweifamilienhaus angemietet, in das im Laufe der Zeit 18 geistig behinderte Menschen einzogen und in engen räumlichen Verhältnissen lebten und betreut wurden.
    •    1982 wurde dann das WOHNHEIM ST-VINZENZ-STRAßE als "erster Abschnitt" einer neuen "Wohnanlage" fertiggestellt. Hier wohnen und leben gegenwärtig 40 geistig- und zum Teil mehrfachbehinderte Männer und Frauen in alters  und geschlechtsgemischten Gruppen. Dabei steht für jeweils zwölf bis dreizehn Bewohner ein Gruppenhaus zur Verfügung. Zusätzlich befinden sich im Keller eines Hauses größere Gemeinschaftsräume für Tanz und andere Geselligkeit. In einem weiteren kleineren Gebäude sind Räume für Angebote zur "Tagesstruktur"(seit 1998), Lagerräume, und die zentrale Heizung untergebracht. In den einzelnen Gruppenhäusern leben jeweils gemeinsam dreizehn Frauen und Männer in geräumigen Einzel  und Doppelzimmern, die zum Teil mit sogenannten "Sanitärzellen" ausgestattet sind. Jede Gruppe hat außerdem einen Gemeinschaftsraum zum Wohnen und Essen sowie eine Küche. Auf eine Zentralküche wurde bei uns bewusst verzichtet. Die Häuser der Wohnanlage sind um einen "Dorfplatz" gruppiert, dessen Mittelpunkt ein Brunnen und eine halbrunde Sitzbank bildet. Die Wohnheime stehen in einem Stadtteil von Fulda und sind zu Fuß etwa 15 Minuten vom Stadtzentrum entfernt. Außerdem befindet sich die Haltestelle des Nahverkehrs in unmittelbarer Nähe.
    •    1987  wurde nach einem Umbau das WOHNHEIM HASELSTEIN bezogen. In der ehemaligen "Zehntscheune" des Schlosses Haselstein leben 12 Männer und Frauen in einem Fachwerkbau in zehn Einzel- und einem Doppelzimmer. Die Wohnbereiche verteilen sich über drei Stockwerke. Rollstuhlfahrer oder Menschen mit erheblichen Bewegungseinschränkungen können in der Einrichtung nicht betreut werden, da kein Aufzug vorhanden ist. Im Hause ist ein großer Gemeinschaftsraum zum Wohnen und Essen, ein Fernsehraum sowie eine Küche vorhanden. Die Wohngemeinschaft ist in das dörfliche Gemeinschaftsleben integriert, nimmt an Festen und Feiern teil und besucht die Gottesdienste in der Kirchgemeinde. Die Bewohnerlinnen arbeiten in der Werkstatt für Behinderte Schloss Haselstein oder werden im Rahmen der 1998 neu eingerichteten Angebote in der "Tagesstruktur" des Wohnheimes betreut und gefördert.
    •    1990 wurde das WOHNHEIM RATGARSTRAßE zunächst als eine Wohngruppe auf dem Gelände eines ehemaligen Schülerinternates etabliert. Nach der Fertigstellung eines grundlegenden Umbaues wurden im Haupttrakt des Gebäudes im Frühjahr 1995 drei neue Wohngruppen bezogen. Dabei bewohnt jeweils eine Gruppe mit zwölf Männer und Frauen eine Etage des Hauses. Die acht Einzel- und zwei Doppelzimmer pro Wohngruppe sind jeweils mit rollstuhlgerechten Sanitärzellen ausgestattet. Zusätzlich ist in jeder Gruppe ein Badezimmer mit einer Hubwanne sowie eine Toilette in Nähe der Gruppenräume vorhanden. Als Gemeinschaftsräume stehen ein Esszimmer mit einer voll eingerichteten Küchenzeile, sowie ein zusätzlicher Wohnraum zur Verfügung. Die drei Wohngruppen sind barrierefrei, und können durch einen Aufzug auch von jedem Rollstuhlfahrer oder erheblich gehbehinderten Menschen erreicht werden. Von den baulichen Gegebenheiten liegen hier gute Voraussetzungen für die Betreuung von Rollstuhlfahrern, stark bewegungseingeschränkten Personen und Menschen mit Mehrfachbehinderungen vor. Eine Wohngruppe hat sich dabei auf die besonderen Bedürfnisse von Menschen mit Mehrfachbehinderungen eingerichtet. So sind individuelle Installationen (wie z.B. schiefe Ebenen zum selbständigen Erreichen des Bettes) sowie ein "Sinnes- und Erfahrungsraum" vorhanden. Soweit erforderlich, werden spezielle Pflegebetten eingesetzt. Eine Aula mit Bühne im Untergeschoss des Gebäudes wird für verschiedenste Gemeinschaftsveranstaltungen genutzt. Die Einrichtung liegt zentral in der Stadt Fulda, etwa 800 Meter vom Hauptbahnhof entfernt. In unmittelbarer Nähe sind Haltestellen des öffentlichen Nahverkehrs.
    •    Seit 1995 werden MAßNAHMEN ZUR GESTALTUNG DES TAGES /TAGESSTRUKTUR  im Wohnheim für die Personen organisiert, die nicht, noch nicht oder nicht mehr die WfB besuchen können. Neben den Zimmern der Wohngruppe werden zwei Räume im Untergeschoss genutzt, um zumindest einem Teil der Bewohner auch örtlich einen "zweiten Lebensraum" bieten zu können.
    •    1997 wurde das WOHNHEIM MICHELSROMBACH bezogen. Die komplette Wohngruppe aus dem nicht sanierten Seitentrakt in der Ratgarstraße zog in ein von der Kirchgemeinde Michelsrombach langfristig angemietetes Haus. In dem sanierten ehemaligen Schwesternhaus leben zwölf Männer und Frauen in zwei Doppel- und acht Einzelzimmern. Die Wohnbereiche verteilen sich über zwei Stockwerke. Rollstuhlfahrer oder Menschen mit erheblichen Bewegungseinschränkungen können in der Einrichtung nur eingeschränkt betreut werden, da kein Aufzug vorhanden ist. Im Hause ist ein großer Gemeinschaftsraum zum Wohnen und Essen, ein Fernseheckeraum sowie eine Küche vorhanden. Die Wohngemeinschaft ist in das dörfliche Gemeinschaftsleben integriert, nimmt an Festen und Feiern teil und besucht die Gottesdienste in der Kirchgemeinde. Die Bewohnerlinnen arbeiten in der Werkstatt für Behinderte Schloss Haselstein oder der WfB in Fulda, bzw. nehmen die Betreuungs- und Förderangebote in der "Tagesstruktur" des Wohnheimes Ratgarstraße in Fulda wahr.

2.  Die Organisation der Wohnheime

 2.  Die Organisation der Wohnheime
Die Wohnheime werden als Verbund unter einer Leitung und einer für alle Teilbereiche gültigen gesamtheitlichen Konzeption geführt. Die Verwaltungsräume sind in Fulda im Wohnheim Ratgarstraße untergebracht. Die Kommunikation, Anleitung und Beratung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und die Dienstaufsicht wird durch folgende Maßnahmen sichergestellt:
    •    regelmäßige Sprechstunden der Leitung vor Ort in den Einrichtungen
    •    Durchführung regelmäßiger Dienstbesprechungen
    •    Einführung eines Qualitätssicherungssystems (SYLQUE)
    •    Abrechnungen und Kontoführungskontrollen von Verwaltungsfachkräften vor Ort
    •    Telefonische oder persönliche Ansprechbarkeit der Zentralverwaltung und Leitung
    •    Ausstattung aller Wohngruppen mit Faxgeräten zur Übermittlung schriftlicher Dokumente oder Mitteilungen
    •    Unterstützung der Wohngruppen bei der Organisation und Verfolgung notwendiger medizinischer Maßnahmen
    •    Organisation und Durchführung interner Fortbildungsmaßnahmen
    •    Zusammenarbeit mit dem Heimbeirat
    •    Zusammenarbeit mit der Angehörigenvertretung
    •    Zusammenarbeit mit der Mitarbeitervertretung

3.  Allgemeine Arbeitsgrundsätze / Zielbestimmungen

 Ziel der Wohneinrichtung ist es dem geistig- oder mehrfachbehinderten Menschen die Voraussetzungen und Hilfen zu geben, dass er sich weiter individuell entwickeln, an der Gemeinschaft und Gesellschaft teilnehmen und ein weitestgehend selbstbestimmtes Leben führen kann. Zum Erreichen dieses allgemeinen Zieles dienen u.a. :
    •    Wahrnehmung und Akzeptanz individueller Wünsche der Bewohnerlinnen
    •    Möglichkeit zur individuellen Einrichtung und Ausgestaltung des Zimmers
    •    Auf Wunsch, grundsätzliche Möglichkeit des Umzuges zwischen den Wohngruppen oder Wohnheimen des Verbundes (bei entsprechenden räumlichen Gegebenheiten)
    •    Förderung der lebenspraktischen Fähigkeiten und Fertigkeiten zur Erlangung weittestgehender persönlicher Selbständigkeit
    •    Beratung und Assistenz
    •    Religiöse Begleitung und Hilfe bei der Identitätsfindung
    •    Hilfestellung bei der Lebensgestaltung und Lebensführung
    •    Hilfestellung bei gesundheitlichen Maßnahmen
    •    Hilfen zur Gestaltung der Freizeit
    •    Hilfen zur Eingliederung in die Gemeinschaft und Gesellschaft
    •    Organisation und Hilfen zur Durchführung von Freizeiten

4.  Die Menschen im Wohnheim (Personenkreis)

 Wie bei anderen Wohnheimen auch, stand bei uns am Anfang die Werkstatt für Behinderte und die Notwendigkeit, bei Ausfall der seitherigen häuslichen Betreuung einen angemessenen neuen Lebensraum für die betreffenden behinderten Mitarbeiter zu schaffen. Dieser "Ausfall" der familiären Betreuung hat mannigfaltige Ursachen und ist "klassisch" im vorgerückten Alter der bisher betreuenden Eltern zu sehen, bis hin zu den Behinderten, die ihre Familie und den häuslichen Lebensraum durch massive
Verhaltensstörungen und psychische Auffälligkeiten enorm überfordern. So ergibt sich für uns die Aufgabe, diesen häuslichen Lebensraum zu ersetzen und die betroffenen Behinderten in einen neuen und ihrer Behinderung angemessenen Lebensbereich zu integrieren. Dabei ist aber der Gesichtspunkt wichtig, dass dieser neue Lebensraum im Erfahrungsbereich des Behinderten liegt. Die bestehenden Kontakte zu Eltern und Bekannten können aufrechterhalten werden, und der vertraute und für die meisten Behinderten sehr wichtige Arbeitsplatz bleibt bestehen. Wir nehmen daher in der Regel nur Menschen mit Behinderungen aus unserer Region auf, die möglichst gleichzeitig in der Werkstatt für Behinderte betreut werden.
Menschen mit Behinderungen, die nicht, noch nicht oder nicht mehr "werkstattfähig" sind, werden im Rahmen von "Tagesstrukturierenden Maßnahmen"  im Wohnheim betreut und gefördert. Das ergibt dann eine Bandbreite der zu betreuenden Personen, die vom umfänglich geistig behinderten Menschen über den mit einer geistigen und körperlichen Mehrfachbehinderung und entsprechendem pflegerischen Hilfebedarf bis hin zu Ausprägung der geistigen Behinderungen reicht, die im Grenzbereich zur Lernbehinderung anzusiedeln ist. Bei diesen Menschen stehen meist die zusätzlich vorhandenen Verhaltensstörungen und psychischen Auffälligkeiten im Vordergrund bei der Notwendigkeit der Aufnahme. Wir nehmen Männer und Frauen aller Altersgruppen auf und betreuen diese gemeinsam in den Wohngruppen.
Soweit freie Plätze vorhanden sind, sind wir auch bereit, bei Krankenhausaufenthalt der Mutter, Urlaub der Angehörigen und weiteren Notsituationen den Behinderten für diese Zeit in unserer Einrichtung zu betreuen.

5.  Aufgabenstellung

 Therapie, Training, Weiterentwicklung sind Schlagworte, die uns immer wieder begegnen, wenn wir vom Wohnheim für Behinderte sprechen. Dagegen sehr vehement   stehen Begriffe wie: Abschiebung, Aufbewahrung, Isolation. Wir spüren, wie emotions  und ideologiebesetzt diese Begriffe sind. Es entfacht sich immer wieder neu die Diskussion und der Streit, wenn die "Institution Heim" ins Gespräch kommt und sich dann Lager von "Befürwortern‘ und  Gegnern  bilden. Oft wird dabei der Betroffene in unserem Fall der erwachsene geistig behinderte Mensch   mit seinen speziellen Lebensmöglichkeiten und Bedürfnissen von beiden Seiten aus den Augen verloren.
Unkritisch "Pädagogisierend"/ "Erziehend" werden häufig auch bei diesem Personenkreis Lern- und  Therapieprogramme aus der Kindererziehung eingesetzt, die einem Erwachsenen nicht adäquat sind. Auch der geistig behinderte Mensch hat das Recht, einmal "erwachsen" zu werden; so angenommen zu werden, wie er nach vielen Jahren in Schule und Elternhaus nun einmal geworden ist und sich nicht in ständiger und lebenslanger "Therapie" befinden zu müssen.
Nun wäre der Umkehrschluss fatal, dass etwa mit einem so umfänglich behinderten Menschen nichts mehr geschehen braucht, die Hilfe sich also auf die "notwendige Wartung und Pflege" begrenzt. Selbstverständlich benötigt der geistig behinderte Mensch lebenslang mehr oder weniger intensiv Hilfe, Anleitung, Förderung und Anregung, da sich die Behinderung ja gerade im Ausfall bestimmter geistiger Funktionen und Fertigkeiten manifestiert. Er bedarf auf Grund der Behinderung also der lebenslangen Betreuung und Lebensbegleitung. Das ausgleichende Gespräch hilft ihm, die Beziehungen zu seinen Mitmenschen zu ordnen und zu gestalten. Verständige und fachgerechte Hilfe und oft auch Anleitung ermöglicht und erschließt ihm erst die Gestaltung seiner Freizeit und des Alltages. Die Sicherstellung der individuell erforderlichen Pflege schafft erst Freiraum für eine ganzheitliche Teilhabe und Entwicklung der Persönlichkeit. Wir sehen in unserer Einrichtung die Aufgabe, in einem anregend gestalteten Lebensablauf lebenspraktische Fertigkeiten zu vermitteln oder zu erhalten und den Behinderten bei der Gestaltung seiner Freizeit und beim Umgang mit der Umwelt anzuregen und zu unterstützen und ihm damit ein weitgehend selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen.. Dabei sind wir uns  bewusst, dass es im Leben nicht nur ein "Auf und Vorwärts" gibt, so dass neben der Erweiterung persönlicher Handlungskompetenz der Erhalt und die Vertiefung des bereits Erlernten im Vordergrund unserer Bemühungen stehen; die Aufgabe also, Regression und frühzeitigen Abbau - und damit eine Verschlimmerung der bestehenden Behinderung -möglichst lange zu verhindern.

6.  Gestaltung des Lebens im Heim und in der Gruppe

 Das Wohnheim bietet einen überschaubaren Lebensraum, der dem Menschen mit einer geistigen Behinderung durch erkennbare Strukturen Sicherheit und Orientierung gibt. Erst aus dieser Sicherheit heraus kann der Geistigbehinderte weitere Aktivitäten nach außen, in die Gemeinschaft und Gesellschaft entfalten. Da der so behinderte Mensch nicht selbständig leben kann, ist er auf das Leben in der Gemeinschaft angewiesen. Diese Gemeinschaft ist für ihn im Wohnheim seine Gruppe. Das Leben in der Gruppe versuchen wir familienähnlich und möglichst lebensnah zu gestalten, indem die Gruppe weitgehend autonom geführt wird. Das heißt, die Gruppe gestaltet weitgehend das Leben und die Freizeit selbständig. Da keine Zentralküche vorhanden ist, wird das Essen von den Bewohnern und Betreuern gemeinsam eingekauft und vorgerichtet. Der Gruppe steht dafür Wirtschaftsgeld zur Verfügung. Da wir wenig Wirtschafts-/ Küchenpersonal beschäftigen, kann die Verpflegung etwas aufwendiger sein, so dass unsere Gruppen (und das schon seit Gründung des Wohnheimes) an Sonntagen in Gastwirtschaften essen gehen. Für Bewohnerlinnen, die das Essen in der Einrichtung einnehmen wollen oder müssen, werden die warmen Mahlzeiten von einer externen Vertragsküche (z.B. Küchenbetrieb eines benachbarten Altenheimes) geliefert.
Auch innerhalb der Gruppen versuchen wir weitgehend zu individualisieren, also je nach Fähigkeiten den einzelnen Bewohner in die Stadt gehen zu lassen, zu Konzerten, Fahrrad fahren zu lassen usw. Wir versuchen hier den Grundsatz zu praktizieren: "Gerechtigkeit ist nicht jedem das Gleiche, sondern jedem das Seine." Um dieses Gruppenleben weitgehend familienähnlich zu gestalten, haben wir auch die Betreuung auf möglichst geringen Wechsel eingerichtet. Bis auf eine Ausnahme in der Gruppe mit den Schwerst-Mehrfachbehinderten Menschen ist ein Betreuerteam jeweils eine Woche im Dienst. Freitags wird nach einer gemeinsamen Dienstbesprechung gewechselt. Diese Art der Betreuung hat sich in unserer Einrichtung seit 1975 bewährt und stellt einen für uns tragfähigen Kompromiss zwischen den Bedürfnissen der Betreuer und der Bewohner dar. Auch in der Freizeitgestaltung ist die Gruppe weitgehend autonom. Gruppenaktivitäten und Einzelunternehmungen der Behinderten richten sich weitgehend in die Stadt, so dass im wesentlichen nur projektbezogene Freizeitmaßnahmen für das gesamte Wohnheim in den hier zur Verfügung stehenden Räumen stattfinden.

7.  Teilnahme und Teilhabe an Gemeinschaft und Gesellschaft

 Eine umfängliche geistige Behinderung erfordert einen organisatorischen Rahmen und Hilfestellung zur Teilnahme an der Gemeinschaft und Gesellschaft. In der Interaktion mit den Menschen im unmittelbaren Lebensumfeld erfährt die Person Kommunikation, Anerkennung und Zuwendung. Damit wird die Basis geschaffen, an dem gesellschaftlichen Leben mit dem Ziel einer weitestgehenden "Normalisierung" teilzunehmen.
So gehen die Gruppen in der Regel ein Mal wöchentlich in eine Gastwirtschaft zum Mittagessen und/ oder zum Kegeln, wandern oder besuchen diverse Veranstaltungen (Theater, Konzerte, Ausstellungen, Vereinsfeste, etc.) in der Stadt oder im Landkreis. Zudem werden Projekte gruppenübergreifend organisiert und begleitet. Beispielsweise sind durchschnittlich 12 Bewohner/innen an dem Mal- und Kunstprojekt der Wohnheime - KullerArt -  beteiligt; ca. 22 Personen arbeiten mit in der Theater-AG, die alljährlich eine neue "Inszenierung" aufführt; etwa 7 Personen beteiligen sich an der Arbeit im "Garten-Projekt"; eine "Bau-Gruppe" gestaltet die Außenanlagen mit, indem sie beispielsweise Grillplätze anlegt, Wege anlegt oder Hasenställe baut, in denen mehrere Bewohner Stallhasen aufziehen. In den Wintermonaten findet regelmäßig eine "Bastel-AG" statt, an der sich ca. 9 Personen beteiligen. Eine selbst gestaltete "Kneipe" wird ein Mal wöchentlich am Abend geöffnet und von einigen Bewohnern in Assistenz eines Erziehers als Treffpunkt für Heimbewohner und Angehörige/Gäste bewirtschaftet. An den Sonntagen nehmen regelmäßig eine große Zahl der Bewohner/innen an den Gottesdiensten der Pfarrgemeinde teil. Außerdem werden in den Wohnheimen die Feste im Jahreskreis und die Geburtstage der Gruppenmitglieder gefeiert. Einige der Bewohner/innen fahren regelmäßig oder gelegentlich an den Wochenenden oder im Urlaub zu ihren Angehörigen. Regelmäßig werden Ausflüge in die Region und Wanderungen unternommen. Eine jährliche Freizeit an der See oder in den Bergen ermöglicht bei Finanzierung durch Fremd- und Eigenmittel einen "Tapetenwechsel" und die Begegnung mit neuen Erlebnissen und Eindrücken.

8.   Integration   Große Einrichtungen/Kleine Einrichtungen / Betreutes Wohnen

 Integration von Behinderten ist in den vergangenen Jahren zu einem Thema geworden, an dem sich die Diskussion stets neu entzündet. Auch hier müssen die Art der Behinderung und die damit verbundenen speziellen Bedürfnisse im Blickfeld bleiben.
Merkmal der geistigen Behinderung ist ja neben einer Führungs  und Anregungsbedürftigkeit oft eine Störung in der Orientierungs  und Anpassungsfähigkeit. Eine völlige "Integration¬ führt bei diesen Behinderten häufig zu einer totalen Oberforderung und in der Folge zu Verwahrlosungserscheinungen, Regressionen und anderen massiven psychischen Auffälligkeiten. Besondere Schwierigkeiten haben da geistig Behinderte "im oberen Grenzbereich", bei denen man auf den ersten Blick ihre Behinderung nicht erkennt. Sie geraten oft in Überforderungssituationen, in denen sie dann plötzlich aggressiv oder reisignativ-depressiv reagieren. Aufgabe einer verantwortungsvollen Behindertenbetreuung muss es stets sein, Wollen/Sollen und Können des Behinderten in eine angemessene Beziehung zu bringen, um für diese Menschen ständige Versagenserlebnisse mit all ihren Folgen zu vermeiden. Für den geistig
behinderten Menschen bedeutet auch das Leben in häuslicher Gemeinschaft noch nicht Integration, sondern kann sogar in größte Isolation führen, wenn ihm nicht angemessene Hilfestellung bei der Teilnahme an der Gemeinschaft geboten wird. Hierbei kann das Wohnheim hervorragende Bedingungen für den geistig behinderten Menschen schaffen. Von einem überschaubaren Lebensraum aus lässt sich die Umwelt erobern und neu wahrnehmen. Durch die Ortsnähe können Bindungen zu den Bekannten, Eltern und Geschwistern aufrechterhalten werden. Der Behinderte kann in "seiner Stadt  leben, einkaufen, ausgehen, an Veranstaltungen teilnehmen, er wird häufiger besucht und kann selbst Besuche abstatten. Die Förderung in unseren Wohneinrichtungen behält dabei immer auch die Zielrichtung im Blick, behinderte Menschen soweit zu fördern, dass eine weitestgehend selbständige Lebensführung (z.B. im Bereich des "Betreuten Wohnens") erreicht wird. Integration ist immer aber ein Prozess, der in unterschiedlicher Intensität und in Stufen abläuft. Aus dieser Prozesshaftigkeit bestimmen sich auch die Wohnformen für geistig behinderte Menschen. Alle Formen der Betreuung haben hier ihre dringende Notwendigkeit und ihren Stellenwert. So gibt es Behinderte, die durch ihre Beziehungsstörung und Eigenart der Behinderung auch in einem Wohnheim nicht angemessen leben können, sondern den Lebensraum und die dort vorhandenen therapeutischen Fachkräfte einer "Spezialeinrichtung" brauchen.
Die Wohnheime organisieren von einer tragfähigen "Kerneinheit" aus verschiedene Formen des Wohnens in der Nähe des bisherigen Lebensbereiches der Behinderten. Als ein Beispiel für solche Dienste sei das Angebot des sogenannten "BETREUTEN WOHNENS" genannt, das sich an lebenspraktisch gut trainierte und emotional stabile Menschen mit geistiger Behinderung richtet.

9.  Die Eltern und Angehörigen

 Eine wichtige Rolle in unserer Einrichtung spielt die Beziehung der Behinderten und Betreuer zu den Eltern und Angehörigen. Hierbei ist es sicher ein Vorteil, dass bereits über die Werkstatt vor der Aufnahme Verbindungen bestehen. Vielfach kennen die Eltern also bereits das Wohnheim und sind durch eine gemeinsame "Freizeitclubarbeit" auch den Betreuern bekannt. Wir versuchen jedoch bewusst, nicht nur die Eltern mit einzubeziehen, sondern auch die Geschwister und Bekannten der Behinderten. So sind gegenseitige Besuche bei uns häufig. Besonders anfangs sind diese Beziehungen aber oft nicht ganz konfliktfrei, da die Angehörigen und der Behinderte sich erst mit der neuen Lebenssituation zurechtfinden müssen. Häufig stehen da noch Schuldgefühle im Wege, die erst aufgearbeitet und beseitigt werden müssen. Wie oft befinden sich Eltern oder Geschwister in dem Gewissenskonflikt, nun ihren erwachsenen behinderten Angehörigen abgeben zu müssen. Von der Umwelt wird dieser Konflikt noch mehr verstärkt: "Die wollen den Behinderten auch nur abschieben!" Ich kann dazu nur sagen, dass ich bisher in unserer Einrichtung noch keine Angehörigen kennen gelernt habe, die ihren Sohn/Tochter/Bruder "abschieben" wollen. Eher ist im Gegenteil festzustellen, dass dieser Schritt oft erst so spät getan wird, so dass alle Beteiligten von der schweren Belastung, gezeichnet" sind.
Sind die Belastungen dieser Anfangszeit überwunden, so entwickelt sich dann doch ein vertrauensvolles Verhältnis, das sich in öfteren Besuchen zeigt. Einige in der Nähe wohnende Eltern kommen dann schon mal "nur so zum Kaffee" vorbei. Durch dieses meist dann doch entwickeltes Vertrauensverhältnis sind auch spätere Entwicklungen zu tragen, wenn der erwachsene Behinderte sich dann plötzlich sichtbar ablöst, nicht nach Hause fahren will: ("Ist mir zu langweilig"); oder auch Angewohnheiten (z.B. Rauchen) entwickelt, die von den Eltern als unangenehm empfunden werden. Durch Ortsnähe und die Kontakte wird es dem Behinderten und dessen Angehörigen leichter, das Wohnheim als neuen Lebensraum zu erfahren.

10.  Die Mitarbeiter

 Die baulichen Möglichkeiten und Gegebenheiten eines Wohnheimes bilden den Rahmen, der Leben und Arbeiten erleichtert oder erschwert. Entscheidend jedoch für ein Wohnheim sind die Mitarbeiter. Sie bilden die Seele, den Stil, das Zuhause. Ob sich der behinderte Mensch wohl fühlt, sich verstanden weiß, die angemessene Anleitung und Hilfe findet, bewirken sie. Um den sehr vielfältigen Problemen und Eigenarten der behinderten Bewohner gerecht zu werden, gehört eine gute Ausbildung zum Handwerkszeug. Sie ist nach aller Erfahrung unverzichtbar. Dabei ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit erzieherischer/heilerzieherischer und auch pflegerischer Berufe erforderlich.. Der Einsatz von Hilfskräften ist angesichts der Behinderungen und der psychischen Probleme nur eingeschränkt möglich. Tragfähigkeit und Erfolg in dieser Arbeit entsteht nicht nur aus dem guten Willen und dem formellen Berufsabschluss heraus, sondern aus einem "wissenden Verstehen". Der ausgebildete Mitarbeiter muss also nicht nur sein "Wissen" in die Arbeit einbringen, sondern auch von seiner Person tragfähig, zuverlässig, vorausschauend und belastbar sein. Er muss sich langfristig auf Beziehungen einlassen und mit einer unorthodoxen Arbeitszeit leben können. Betroffen dabei sind auch die Familien der Mitarbeiter, die diese Aufgabe auch mittragen und akzeptieren müssen. Der Betreuer im Wohnheim kann durch die Arbeitszeit in unserer Einrichtung nicht in eine Rolle schlüpfen, sondern muss seine Person mit einbringen. Dazu gehört in unserer kirchlichen Einrichtung auch eine religiöse Grundhaltung, da auch diese entscheidend das Klima der Einrichtung mitprägt, ohne aber aufdringlich frömmlerisch zu sein. Andererseits hat der Mitarbeiter ein Arbeitsfeld und eine Aufgabe, die er sehr verantwortlich und gestalterisch ausfüllen kann; eine Aufgabe, die Arbeit zu dem macht, was sie sein sollte: Nicht das Leben, aber ein doch wichtiger Teil des Lebens.